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Haiku 01
auf dem Dach unserer lieben Frau


auf dem dach
unserer lieben frau
ein storchennest
Die Idee
Bei diesem Haiku war für mich ziemlich schnell klar, dass ich mich mit der Geschichte vom Storch, der die Babys bringt, beschäftigen möchte. Der sogenannte Klapperstorch-Mythos ist vor allem im deutschsprachigen Raum tief verankert und wurde vermutlich im 18. Jahrhundert besonders verbreitet. Eine wichtige Rolle dabei spielte, dass Sexualität, Schwangerschaft und die Entstehung von Kindern lange Themen waren, über die man mit Kindern nicht offen gesprochen hat.
Statt eine tatsächliche Erklärung zu geben, wurde deshalb häufig auf eine kindgerechte Geschichte zurückgegriffen: Der Storch bringt die Babys.
Warum ausgerechnet der Storch diese Rolle bekommen hat, lässt sich nicht eindeutig auf eine einzige Entstehungsgeschichte zurückführen. Er war ein gern gesehener Vogel, der in unmittelbarer Nähe zu Menschen nistete – oft sogar auf den Dächern von Häusern. Gleichzeitig wurde er mit Glück, Fruchtbarkeit und neuem Leben verbunden.
Für mich war genau diese Mischung aus Mythos, Geburt, Natur und einem Storchennest auf einem Dach der Ausgangspunkt für das Bild.
von Heiner Brückner
Vom Haiku zum Portrait
Ich wollte das Haiku nicht einfach wörtlich nachstellen, sondern vielmehr die Geschichte dahinter in ein Portrait übersetzen.
Aus den drei kurzen Zeilen ist deshalb eine etwas surrealere Bildwelt entstanden. Meine Haare habe ich bewusst wild und verschrubbelt gestaltet und mit Gras, kleinen Ästen und Zweigen präpariert. Der Kopf wird dadurch selbst zu einer Art Dach, auf dem das Storchennest sitzt.
Die Naturmaterialien habe ich auch ganz bewusst eingebaut, weil Natur ein wichtiger Bestandteil der klassischen Haiku-Fotografie ist. Da viele Haiku-Fotografien mit Naturmotiven arbeiten, wollte ich diesen Aspekt auch in meiner Serie beibehalten und mit dem Portrait verbinden. Bei diesem Bild hat sich das durch das Storchennest natürlich besonders gut angeboten. Deshalb habe ich Gras, kleine Äste und Zweige in die Frisur eingearbeitet. So kommt die Natur direkt mit ins Portrait und das Storchennest wird nicht nur zum Motiv, sondern gleichzeitig auch zu einem Teil der Gestaltung.
In meinen Armen halte ich ein weißes Bündel, das für ein Neugeborenes steht und damit die Verbindung zur Geschichte vom Storch als Babybringer herstellt. Das Storchennest wird durch die blauen Eier noch einmal ganz direkt betont. Gleichzeitig bringen die Eier etwas Märchenhaftes und Unwirkliches in das Bild. Die Farbe Blau habe ich gewählt, weil sie mit Ruhe und Vertrauen verbunden ist. Da auch das Kleid der Frau in Blautönen gehalten ist, wiederholt sich die Farbe im Bild und verbindet die einzelnen Elemente miteinander.
Das Bild ist insgesamt sehr statisch gehalten und es passiert eigentlich gar nicht so viel. Gerade dadurch bekommt das Motiv aber eine gewisse Ruhe. Ich wollte, nicht direkt in die Kamera schauen, sondern in die Ferne blicken. Dadurch wirkt das ganze für mich etwas verträumt und gleichzeitig sehr selbstbewusst. Obwohl das Bild eigentlich eher ruhig aufgebaut ist, bekommt es durch den Blick noch einmal eine ganz andere Wirkung und wirkt dadurch stärker und ausdrucksvoller. Ich mag gerade diesen Gegensatz zwischen der ruhigen, fast schon märchenhaften Gestaltung und der starken Präsenz der Frau.
Die Geschichte im Bild
Bevor ich mit der eigentlichen Fotografie angefangen habe, bin ich erst einmal das ganzes Haiku-Buch von 2023 durchgegangen. Dabei habe ich aber nicht einfach die Haikus ausgewählt, die ich am schönsten fand, sondern eigentlich nur die, bei denen direkt ein Bild in meinem Kopf entstanden ist. Ich wollte nur mit Texten arbeiten, bei denen ich beim Lesen schon eine bestimmte Vorstellung, eine Stimmung oder eine kleine Geschichte vor Augen hatte.
Dieses Haiku war eines davon, weil ich beim Lesen sofort an ein Storchennest auf einem Dach und an die Geschichte vom Storch, der die Babys bringt, gedacht habe.
Mir war dann wichtig, das Haiku nicht einfach genau so zu fotografieren, wie es beschrieben wird. Ich wollte eher schauen, was bei mir beim Lesen hängen bleibt und daraus meine eigene Bildidee entwickeln. Das Storchennest auf dem Dach wurde so zum Ausgangspunkt für die ganze Geschichte rund um den Storch und das Baby.
Dadurch sind dann auch die einzelnen Elemente im Bild entstanden: Das Haar der Frau wird zum Dach, das Nest steht für den Storch und die blauen Eier machen das Nest noch einmal deutlich sichtbar. Das weiße Bündel in ihren Armen steht für das Baby und verbindet das Ganze mit der Geschichte vom Storch, der die Babys bringt.
Genau das finde ich bei diesem Projekt eigentlich am spannendsten. Aus nur drei kurzen Zeilen kann plötzlich eine komplette Bildidee entstehen. Und obwohl jeder beim Lesen wahrscheinlich etwas anderes vor Augen hat, ist bei mir genau dieses Bild entstanden.
