
Haiku 04
Altweibersommer

die Schiffchen durch die
Fäden der Erinnerung
Altweibersommer
schon beim Lesen des Haikus entsteht ein sehr bildlicher Gedanke. Erinnerungen, die sich miteinander verbinden, ineinanderlaufen und manchmal gar nicht mehr voneinander zu trennen sind. Genau dieses Gefühl wollte ich in meinem Bild aufgreifen und mit dem Begriff des Altweibersommers verbinden.
Das Bild
Im Mittelpunkt des Bildes steht eine Frau, die von zahlreichen Fäden umgeben ist. Die Fäden kreuzen sich, laufen übereinander und bilden ein dichtes Netz. Besonders wichtig ist dabei, dass die Fäden direkt um ihren Kopf gewickelt sind.
Der Kopf ist für mich der Ausgangspunkt der Gedanken. Gedanken entstehen in unserem Gehirn und genau dort werden auch Erinnerungen gespeichert und miteinander verknüpft. Die Fäden beginnen deshalb nicht irgendwo zufällig im Bild, sondern gehen direkt vom Kopf aus. Sie sollen sichtbar machen, wie Gedanken und Erinnerungen miteinander verbunden sind und sich immer wieder neue Wege suchen.
Die Fäden verlaufen dabei nicht geradlinig, sondern überschneiden sich, verschwinden teilweise und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Genauso funktionieren Erinnerungen. Ein Gedanke kann einen anderen auslösen, eine kleine Kleinigkeit kann plötzlich eine ganz andere Erinnerung hervorrufen und verschiedene Momente aus unserem Leben können miteinander verbunden sein.
Zwischen diesem Geflecht befinden sich kleine Schiffchen. Sie stehen für die Gedankenreise und die verschiedenen Wege, die Gedanken nehmen können. Manche treiben in eine Richtung, andere scheinen sich in dem Geflecht zu verlieren. Dadurch wird Erinnerung nicht als etwas Starres dargestellt, sondern als etwas, das ständig in Bewegung ist.
Die Schiffchen habe ich dafür selbst aus Papier gefaltet. Es sind ganz einfache Papierschiffchen, wie man sie selbst basteln kann. Gerade diese einfache Form passt für mich gut zu der Idee.
Gleichzeitig sollte das Bild nicht nur nach Erinnerung und Nachdenken , sondern auch nach einem warmen Spätsommertag aussehen. Genau hier kommt der Altweibersommer ins Spiel.
von Beate Conrad



Das Konzept
Der Altweibersommer ist für mich eine besondere Zeit zwischen Sommer und Herbst. Die Luft ist noch warm, die Sonne kann noch einmal richtig kräftig sein, gleichzeitig merkt man aber schon, dass sich die Jahreszeit langsam verändert. Besonders charakteristisch sind die feinen Spinnweben, die durch die Luft schweben und an Ästen, Zäunen oder Kleidung hängen bleiben.
Diese Spinnweben waren der Ausgangspunkt für die Fäden im Bild. Statt ein echtes Spinnennetz zu zeigen, wollte ich die Struktur neu interpretieren und daraus etwas machen, das gleichzeitig wie ein Netz aus Spinnweben und wie ein Geflecht aus Erinnerungen wirkt.
Auch die Farben unterstützen diese Verbindung. Die warmen Töne und die Kleidung der Frau vermitteln weiterhin ein sommerliches Gefühl, während die schwarzen, grauen und weißen Fäden an feine Spinnweben erinnern. Je nachdem, wie das Licht auf eine Spinnwebe fällt, verändert sich ihre Erscheinung. Genau diesen Effekt wollte ich mit den unterschiedlichen Farbtönen der Fäden aufgreifen.
So treffen in dem Bild zwei Dinge aufeinander: die warme, ruhige Stimmung des Altweibersommers und das eher persönliche, gedankliche Thema der Erinnerung.
Die Umsetzung
Bei der Umsetzung war mir wichtig, dass die Fäden nicht einfach nur als Dekoration im Bild auftauchen. Sie sollten ein zentraler Bestandteil der Bildidee sein und direkt mit der Person und ihren Gedanken verbunden sein.
Deshalb liegen die Fäden nicht nur um die Frau herum, sondern werden besonders um ihren Kopf geführt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Gedanken und Erinnerungen direkt aus ihrem Kopf heraus entstehen und sich von dort aus weiter durch das Bild ziehen. Die einzelnen Fäden überschneiden sich und bilden ein immer dichter werdendes Geflecht.
Die selbst gefalteten Papierschiffchen habe ich anschließend in dieses Geflecht eingebunden. Sie wirken wie kleine Schiffe, die auf den Fäden treiben und sich ihren Weg durch die verschiedenen Gedanken und Erinnerungen suchen.
Die Frau befindet sich mitten in diesem Geflecht und wird dadurch selbst Teil der Erinnerung. Sie steht nicht einfach davor und betrachtet die Fäden von außen, sondern befindet sich mitten in diesem Gedankenraum.
Bei der Bearbeitung habe ich anschließend besonders darauf geachtet, die warme Atmosphäre des Bildes zu erhalten. Die Farben sollten nach spätem Sommer aussehen und gleichzeitig zu der leicht surrealen Bildsprache der gesamten Haiku-Serie passen. Die Fäden sollten sichtbar bleiben, ohne die Person komplett in den Hintergrund zu drängen.
Am Ende entsteht dadurch ein Bild, das nicht nur den Inhalt des Haikus möglichst wörtlich darstellt, sondern versucht, das Gefühl dahinter sichtbar zu machen: dieses Eintauchen in die eigenen Erinnerungen, bei dem sich verschiedene Gedanken miteinander verbinden und man für einen Moment zwischen Vergangenheit und Gegenwart treibt.
