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Haiku 03
 

die vertraute Straße

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die vertraute Straße

Und wissen

Du bist nicht da

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Dieses Bild ist Teil meiner fotografischen Haiku-Serie.

Für das Projekt wollte ich kurze Gedichte nicht einfach nur fotografisch darstellen, sondern herausfinden, wie sich die Stimmung und Geschichte eines Haikus in ein eigenes Bild übersetzen lässt.

 

Bei diesem Haiku geht es um etwas, das auf den ersten Blick ziemlich alltäglich klingt: vertraute Straßen, die man kennt, vielleicht schon unzählige Male entlanggelaufen ist. Und trotzdem fühlt sich plötzlich alles anders an, wenn ein Mensch fehlt.

Dabei geht es in meinem Bild allerdings nicht um eine Person, die körperlich nicht mehr da ist. Das „Nicht-da-Sein“ bezieht sich auf die Gedanken und die Wahrnehmung.

 

​Wenn jemand körperlich da ist, aber trotzdem nicht mehr wirklich da ist

Die Idee für das Bild entstand aus genau diesem Gedanken.

Auf dem Foto laufen zwei Personen gemeinsam über eine Brücke. Die Brücke steht dabei für die vertrauten Straßen, die durch die Natur führen. Es ist ein Weg, den man kennt und der eigentlich Sicherheit geben sollte.

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Die Person mit der Wolke über dem Kopf ist körperlich noch da. Sie läuft mit, bewegt sich durch die vertraute Umgebung und ist eigentlich direkt neben dir . Gleichzeitig ist sie mit ihren Gedanken nicht mehr wirklich an diesem Ort.

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Die Frau neben ihr nimmt genau diese Abwesenheit wahr. Sie weiß, dass die Person neben ihr zwar noch da ist, aber ein Teil von ihr trotzdem irgendwo anders ist.

Für mich war genau dieser Gegensatz spannend: Zwei Menschen gehen denselben Weg, aber erleben ihn trotzdem völlig unterschiedlich.

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Ingrid Meinerts

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Die Wolke über dem Kopf

Die Wolke ist dabei das zentrale Element des Bildes.

Sie steht für die Gedankenwelt der Person und dafür, dass der Kopf irgendwo anders ist. Der Körper befindet sich noch auf dem vertrauten Weg, während die Gedanken und die eigene Wahrnehmung langsam verschwinden.

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Für die Umsetzung habe ich die Wolke übrigens selbst gebaut. Dafür habe ich eine einfache Cap genommen und diese Stück für Stück mit Watte beklebt. Die Watte habe ich dabei in mehreren Schichten auf die Cap geklebt, bis die ursprüngliche Form komplett verschwunden war.

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Die Cap war die Grundlage dafür, dass die Wolke später über dem Kopf getragen werden konnte, ohne dass sie ständig verrutscht.

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Mir war wichtig, dass die Wolke nicht einfach wie ein hinzugefügtes grafisches Element aussieht. Sie sollte wirklich Teil der Person und ihrer Gedankenwelt werden. Gleichzeitig darf sie aber ruhig etwas surreal wirken. Genau diese Mischung aus einer realen Umgebung und einem etwas ungewöhnlichen Element war auch in meiner gesamten Haiku-Serie ein wichtiger Bestandteil.

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Die vertraute Umgebung

Der Weg und die Natur rundherum spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Die Umgebung soll nicht zufällig wirken, sondern genau dieses Gefühl von Vertrautheit vermitteln. Man kennt den Weg. Man kennt die Umgebung. Vielleicht ist man ihn schon oft gegangen.

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Und trotzdem verändert sich die Wahrnehmung, wenn sich im Inneren etwas verändert.

Dadurch wird die Natur hier nicht nur zum Hintergrund. Sie schafft den Raum für die Geschichte. Der Weg führt weiter, während die Gedanken der Person immer weiter von diesem Moment wegdriften.

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Ich fand diesen Gegensatz besonders passend, weil eine vertraute Umgebung normalerweise etwas Sicheres und Bekanntes vermittelt. In diesem Bild wird sie dagegen fast etwas Unwirkliches, weil eine der beiden Personen mental nicht mehr richtig anwesend ist.

 

 

Die Beziehung zwischen den beiden Personen

Die Frau neben der Person mit der Wolke ist dabei mindestens genauso wichtig.

Sie steht für die Menschen, die das Geschehen von außen miterleben. Sie sieht, dass etwas nicht mehr so ist wie früher. Sie versteht, dass die Person körperlich noch da ist, aber geistig immer weiter wegdriftet.

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Dadurch erzählt das Bild nicht nur von der Person, die selbst betroffen ist, sondern auch von der Person, die danebensteht und diese Veränderung miterlebt.

 

Genau darin steckt für mich auch die emotionale Seite des Haikus.

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Es geht nicht um einen einzelnen Moment, sondern um eine Veränderung innerhalb einer Beziehung. Einer bleibt körperlich anwesend, während der andere langsam merkt, dass er ihn trotzdem immer mehr verliert.

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Was ich ursprünglich ausprobiert hatte

Auch für dieses Bild habe ich verschiedene Varianten ausprobiert, bevor ich mich für die finale Umsetzung entschieden habe.

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Eine Idee zeigte zwei Personen auf einer Bank, wobei eine davon ebenfalls mental abwesend dargestellt wurde. Diese Variante habe ich letztendlich nicht weiterverfolgt, weil der Weg beziehungsweise die Straße fehlte. Durch die sitzende Position wirkte das Bild außerdem sehr statisch.

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Bei einer anderen Variante standen die beiden Personen nebeneinander. Hier habe ich versucht, den Schmerz der Person zu zeigen, die merkt, dass der andere zwar noch körperlich da ist, seine Gedanken aber nicht mehr bei ihr sind.

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Das Problem war für mich dabei die Distanz zwischen den beiden. Es gab keinen wirklichen körperlichen Kontakt und durch die stehende Position entstand wieder sehr wenig Bewegung.

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Eine weitere Aufnahme vermittelte für mich schließlich eine falsche Geschichte. Durch die Darstellung mit der Wolke wirkte es fast so, als wäre die Person bereits gestorben und nur noch die Wolke übrig. Das war aber überhaupt nicht die Aussage, die ich mit dem Bild treffen wollte.

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Die Person sollte nicht verschwunden sein. Sie sollte noch da sein – nur eben nicht mehr vollständig in ihrer eigenen Realität.

 

Zwischen Nähe und Abwesenheit

Genau diese Grenze zwischen körperlicher Anwesenheit und geistiger Abwesenheit war für mich der wichtigste Punkt bei der Umsetzung.

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Die beiden Personen gehen denselben Weg. Sie sind nah beieinander. Und trotzdem entsteht eine Distanz, die man nicht unbedingt körperlich sehen kann.

Die Wolke macht diese innere Distanz sichtbar.

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Das ist für mich auch das Spannende an Fotografie: Man kann etwas fotografieren, das eigentlich gar nicht sichtbar ist. Gedanken, Erinnerungen oder das Gefühl, dass jemand langsam nicht mehr ganz bei einem ist, kann man nicht einfach mit der Kamera aufnehmen.

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Aber man kann versuchen, dafür ein Bild zu schaffen.

 

 

Warum dieses Bild für mich besonders ist ...

„Die vertrauten Straßen und das Wissen, du bist nicht da“ gehört für mich zu den Bildern der Serie, die besonders gut zeigen, was ich mit dem gesamten Projekt erreichen wollte. Auch in meiner abschließenden Betrachtung des Projekts gehört dieses Bild zu den Arbeiten, die durch ihre visuelle Sprache besonders herausstechen.

Das Haiku selbst erklärt nicht genau, warum jemand nicht da ist. Es lässt Raum für Interpretation.

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Für mich wurde daraus die Geschichte von zwei Menschen, die gemeinsam einen vertrauten Weg gehen, während einer von ihnen langsam in seiner eigenen Gedankenwelt verschwindet.

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Und vielleicht ist genau das manchmal das Schwerste: Wenn jemand noch neben einem läuft, man ihn sehen und berühren kann – und trotzdem merkt, dass er irgendwie immer weiter weg ist.

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Die Straße bleibt dieselbe.

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Nur die Person, mit der man sie gegangen ist, ist plötzlich nicht mehr da.

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Das Endergebnis

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